Radikale Akzeptanz – Nehmen Sie die Realität an!

„Radikale Akzeptanz“ lautet die Wunderformel, mit der Sie nicht nur inneren Frieden finden, sondern auch die Energie, etwas zu verändern. Hier erfahren Sie, warum das funktioniert und wie Sie es schaffen, der Realität gelassen ins Auge zu blicken.

Viele Menschen glauben: „Wenn ich etwas akzeptiere, dann gebe ich auf, es zu verändern.“ Das Gegenteil ist der Fall. Erst wenn wir den Status quo zunächst vollständig annehmen, haben wir unser gesamtes Potenzial für eine Veränderung zur Verfügung. Das gilt für alle herausfordernden Situationen, seien sie groß oder klein.

Radikale Akzeptanz in verzweifelten Situationen

Zeiten wie die der Corona-Pandemie verursachen starke Ängste bis hin zur Panik, die Begleitumstände deprimieren oder machen wütend. Das Gleiche kann uns durch die Diagnose einer gefährlichen Krankheit, die gravierenden Folgen eines Unfalls oder dem Tod eines lieben Menschen passieren. Doch heftige Emotionen - so berechtigt sie auch sein mögen - verhindern, dass wir uns sinnvoll verhalten. Schauen wir uns doch mal an, warum das so ist:

In unserem Gehirn gibt es ein Areal, das für vernünftige Überlegungen zuständig ist, den präfrontalen Kortex. Ist er in Aktion, können wir klar denken, planen und Lösungen finden. Doch dieses großartige Instrument wird ausgeschaltet, sobald uns starke Gefühle überwältigen. Damit will die weise Natur erreicht, dass der Homo sapiens bei drohender Gefahr nicht lange überlegt, sondern spontan reagiert, etwa flüchtet oder kämpft. Auch ohne dass uns ein Säbelzahntiger bedroht, läuft dieses Programm bis heute in uns ab. Starke Gefühle wie Angst, Hass, Wut oder Trauer schalten unser Denkvermögen aus, wir können keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Mit radikaler Akzeptanz schalten Sie Ihr Kontrollzentrum wieder ein

Wenn Sie es schaffen, die Stärke Ihrer Gefühle zu reduzieren, heben Sie die Blockade auf und können darüber nachdenken, was in der jeweiligen Situation am besten zu tun ist. Genau das gelingt Ihnen, indem Sie die Realität akzeptieren, anstatt dagegen zu rebellieren. Allerdings ist das gar nicht so einfach. Oft haben wir einen massiven Widerstand dagegen, das Geschehen anzunehmen, es erscheint uns zu schmerzlich.

Doch da beißt sich die Katze in den Schwanz: Der emotionale Schmerz entsteht nämlich dadurch, dass wir uns gegen die Realität sperren. Er wird verursacht von Gedanken wie: „Das ist ja furchtbar“ „Das halte ich nicht aus“. „Vorher war alles so wunderbar…“, „Das ist eine Katastrophe!“. Es ist jedoch sinnlos, sich zu wünschen, dass etwas anders ist, obwohl das nicht möglich ist.

Die Realität anzunehmen, heißt in dem Fall, sich in das Unabänderliche zu schicken. Das hat nichts mit Resignation zu tun, sondern bedeutet, den Tatsachen ins Auge zu sehen.

Sagen Sie sich: „Es ist nun mal, wie es ist.“ oder „Ich kann es nicht ändern.“ Wenn Sie sich wirklich darum bemühen, werden Sie spüren, wie sich die Wogen Ihrer Emotionen glätten. Ihr Kopf wird frei. Jetzt haben Sie die Möglichkeit, darüber nachzudenken, wie Sie sich trotz der Umstände das bestmögliche Leben erschaffen können. Weil Sie Ihre Energie nicht länger mit emotionalem Schmerz vergeuden, steht sie Ihnen für Veränderungen zur Verfügung, die in Ihrer Hand liegen.

Radikale Akzeptanz macht frei - auch in weniger dramatischen Fällen:

Nicht immer geht es um Leben und Tod. Im Alltag gibt es viele mögliche Situationen, unter denen wir leiden: Unser Partner oder unsere Partnerin hat uns verlassen. Wir haben die erwartete Beförderung nicht bekommen. Kurz vor dem Urlaub erwischt uns die Grippe. Wahrhaftig kein Grund, Hurra zu schreien. Aber wir können es schaffen, nicht übermäßig darunter zu leiden. Der meiste Schmerz ist nämlich selbstgemacht.

Schilfrohr am Wasser
Das geschmeidige Rohr biegt sich im Wind, das starre bricht

Widerstand verstärkt den Schmerz

Feste Urteile und Einstellungen über die Situation bringen uns dazu, dass wir mit unseren Gedanken ständig um das Geschehen kreisen. Wir können es einfach nicht loslassen, weil wir meinen, dass uns erst Genugtuung widerfahren muss. Bis dahin beharren wir darauf, dass die Situation nicht so sein darf, wie sie ist. Hier ist eine kleine Liste typischer Urteile, mit der wir uns selbst das Leben schwermachen: 

Das kann ich nicht akzeptieren, denn es ist …

…unfair. „Ich habe das Geschäft mit ihm aufgebaut, und jetzt kommt dieses junge Ding und erntet die Früchte.“ „Ich habe mich total engagiert, Überstunden gemacht, auf Urlaub verzichtet. Und nun kriegt mein Kollege die Projektleitung.“ „Die haben mir überhaupt keine Zeit gelassen, zu zeigen, was ich kann.“

…gegen meine Werte. „So geht man doch nicht mit anderen Menschen um.“ „Das ist ganz schlechter Stil.“ „Einfach ex und hopp, das ist unglaublich.“ „Die Kultur in den Unternehmen ist inzwischen saumäßig schlecht.“ „Man kann doch nicht einfach auf meine jahrelange Erfahrung verzichten.“ „Ich warte noch immer auf ein Dankeschön.“

…eine große Enttäuschung. „Ich hatte so darauf gehofft, dass ich den Auftrag bekomme, nach allem, was ich für sie getan habe.“ „Ich habe fest damit gerechnet, dass ich die Prüfung schaffe.“ „Und so was nennt sich Freund!“ „Ich habe ihm meine besten Jahre geopfert.“ „Wo ich doch alles für sie getan habe.“ „Und das hinter meinem Rücken!“

…schlecht. „Die neuen Eigentümer ruinieren alles, was wir aufgebaut haben.“ „Die ist total egoistisch und denkt nur an ihren eigenen Vorteil.“ „Der interessiert sich doch nicht die Bohne dafür, was aus mir wird.“ „Die hat einen richtig miesen Charakter.“

Sie mögen mit Ihrem Urteil ja sogar Recht haben, doch Ihre moralische Überlegenheit bringt Sie ebenso wenig weiter wie Ihre unbegründeten Hoffnungen. Beides hält Sie im Status quo fest. Erst wenn Sie akzeptieren, wogegen Sie sich sträuben, schaffen Sie die Basis, von der aus Sie etwas ändern können.

Goldene Buddha Figur
Schon Buddha verkündete das Konzept der radikalen Akzeptanz

So gelingt es Ihnen, die Realität zu akzeptieren

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, radikale Akzeptanz zu üben. Zugegeben, dabei geht es ans Eingemachte. Sie müssen sich intensiv mit sich selbst beschäftigen. Aber dafür gewinnen Sie eine Menge: Selbsterkenntnis und Selbstvertrauen. Schauen Sie doch mal, was Sie anspricht und probieren Sie es aus:

Decken Sie Ihre Illusionen auf. Womit beschwichtigen Sie sich? Z.B. „Er kommt bestimmt zurück.“ „Die bereuen sicher bald, dass sie mich entlassen haben.“ Sagen Sie sich: Für diese Hoffnung gibt es keinen Anhaltspunkt. Oder: Schön, wenn es passiert, aber darauf will ich nicht warten.

Entdecken Sie, um welche tiefere Erfahrung es Ihnen geht. Im Selbstgespräch können Sie herausfinden, was wirklich hinter Ihrem Schmerz über die Situation steckt. Beispiel: „Ich will, dass mein Freund zu mir zurückkommt.“ „Warum?“ „Damit ich wieder glücklich werde.“ „Sonst noch etwas?“ „Ich möchte in einer festen Beziehung leben.“ Sie wollen also Glück und eine feste Beziehung. Machen Sie sich klar: Ihr Ex-Freund ist nur ein Weg, das zu erreichen, es gibt noch zahlreiche andere.

Aktivieren Sie bewährte Strategien. In der Vergangenheit mussten Sie gewiss schon häufiger eine unangenehme Realität akzeptieren. Wie haben Sie das geschafft? Vielleicht haben Sie mit Freunden darüber gesprochen, sind für eine Weile verreist oder haben eine Therapie gemacht. Könnten Sie etwas davon auch jetzt anwenden?

Kopieren Sie die Natur. Die Bäume verlieren im Herbst ihre Blätter und treiben im Frühjahr neue. Blüten und Früchte fallen ab, im nächsten Jahr wachsen wieder neue. Die Natur befindet sich ganz selbstverständlich in einem ständigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Davon können Sie sich etwas abschauen.

Machen Sie regelmäßig eine Akzeptanz-Meditation. Akzeptieren lässt sich üben. Bevor Sie morgens aufstehen, schließen Sie für ein paar Minuten die Augen und nehmen Sie im Geiste die Schwierigkeiten an, die eventuell am Tag vor Ihnen liegen. Lassen Sie abends den Tag Revue passieren, ohne zu bewerten, was geschehen ist.

Lesen Sie Klassiker. Viele weise Leute haben darüber nachgedacht, wie man am besten mit den Widrigkeiten des Lebens fertig wird, allen voran die Stoiker Marc Aurel und Epiktet. Aus ihren Werken erfahren Sie, wie Sie Ihre Seelenruhe bewahren können.

Suchen Sie sich Vorbilder. Gewiss gibt es auch in Ihrer Umgebung Menschen, die Schicksalsschläge tapfer angenommen haben. Falls Sie keine solchen „Helden des Alltags“ kennen, geben Ihnen auch die Biografien bedeutender Persönlichkeiten Anregung.

Lernen Sie aus Ihren Erfahrungen. Nicht das Leiden als solches macht uns reifer und besser, sondern unsere Erfahrung daraus. Sagen Sie sich: „Das werde ich nächstes Mal anders machen.“

Sammeln Sie Fakten. Wenn Sie zu wenig wissen, können Sie über die Situation nur spekulieren und liegen damit möglicherweise falsch. Verschaffen Sie sich also alle nötigen Informationen. Versetzen Sie sich dazu auch in die Lage der übrigen Beteiligten.

Ändern Sie Ihre Sichtweise. Stellen Sie sich vor, wie Sie 5 Jahre später auf das Ereignis schauen. Möglicherweise ist es Ihnen dann völlig unwichtig geworden. Oder Sie sind vielleicht sogar froh, dass es passiert ist. Oft stellen sich Krisen später als Chancen heraus.

Viel Erfolg beim Trainieren von radikaler Akzeptanz

Ich gebe zu, „radikale Akzeptanz“ klingt ziemlich martialisch. Zu Anfang bin ich selbst vor diesem Begriff zurückgeschreckt. Könnte man das nicht etwas weniger drastisch formulieren, etwa „Sehen Sie der Realität mutig ins Auge“? Nein, manchmal braucht man starke Worte, um klarzumachen, dass Halbheiten nicht weiterbringen. Natürlich dürfen Sie in einer schlimmen Situation weinen, schreien, trauern, wüten oder am Boden zerstört sein – aber bleiben Sie nicht darin stecken. Radikale Akzeptanz hilft Ihnen, sämtliche Kräfte zu mobilisieren, mit denen Sie den Status quo verändern könne, soweit es in Ihrer Macht liegt. Dazu wünsche ich Ihnen alles Gute!




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