Melanie Raabe: Das Jahr der Wunder

200 Seiten, 20 €, btb Verlag

Die Grundidee dieses Buches ist wunderbar: 365 kleine Impulse, Denkanstöße und Challenges, die dabei helfen sollen, kreativer zu werden. Ziel ist es, wie Melanie Raabe schreibt, „unsere Akkus aufzuladen, unsere Fähigkeit zur Freude zurückzugewinnen und einen Blick für die Schönheit um uns herum zu entwickeln“. Dabei muss man die Anregungen keineswegs täglich umsetzen, sondern kann frei auswählen, was einen gerade anspricht.

Das Buch ist in zwölf Kapitel gegliedert, die poetische Überschriften tragen, etwa „Zur Inspiration: Venedig, Isaac Newton und Taylor Swift“ oder „Blüten aus Glas und die Schönheit der Empfindlichkeit“. Jedes Kapitel beginnt mit einigen Seiten persönlicher Erfahrungen der Autorin und wird durch stimmungsvolle Illustrationen von Rumi Benecke ergänzt.

Gestalterisch ist das Buch ausgesprochen gelungen. Die Kapitel sind gut aufgebaut, die Einführungstexte lesen sich angenehm. Auch unter den Anregungen finden sich einige originelle Ideen, etwa: „Mache eine Zeitkapsel und vergrabe sie“ (Nr. 174). Andere laden auf unkomplizierte Weise dazu ein, den eigenen Horizont zu erweitern, beispielsweise: „Schreibe eine Liste von Dingen, die du noch nie gemacht hast“ (Nr. 273) oder „Geh Trampolin springen“ (Nr. 333).

Leider überwiegt für mich jedoch der Eindruck, dass viele der 365 Vorschläge eher skurril als inspirierend sind. So lautet Tipp Nr. 96: „Schau deinen Lieblingsfilm mit verbundenen Augen an und höre nur den Sound. Hältst du durch bis zum Schluss?“ Oder Nr. 179: „Spiele vierundzwanzig Stunden lang Vampir, lebe die Nacht und verstecke dich tagsüber drinnen. Meide jegliches Licht.“ Solche Aufgaben wirken auf mich weder alltagstauglich noch besonders sinnstiftend. Wer hat die Zeit oder überhaupt die Möglichkeit, so etwas umzusetzen? Einige Vorschläge halte ich sogar für problematisch. So lautet  Nr. 59: „Übe, ohne Hände Fahrrad zu fahren (Tue es an einem sicheren Ort, nicht im Straßenverkehr).“ Auch mit dieser Einschränkung erscheint mir das keine verantwortungsvolle Empfehlung.

„Das Jahr der Wunder“ verschenkt aus meiner Sicht eine gute Idee. Mit durchdachten, realistisch umsetzbaren und wirklich inspirierenden Impulsen hätte daraus ein Buch werden können, das man immer wieder gerne zur Hand nimmt. Stattdessen wechseln sich gute Einfälle mit einer Vielzahl von Vorschlägen ab, die eher befremden als bereichern. Schade – denn das Konzept hat viel Potenzial.