Dennis Gastmann: Orient- Express

304 Seiten, 24 €, Rowohlt Berlin

Kann man auf dem Sofa verreisen? Man kann – mit einem Buch von Dennis Gastmann.

Diesmal folgt der Autor einer historischen Route: den Spuren des legendären Orient-Express, jenes luxuriösen Zuges von Paris nach Istanbul, dem Agatha Christie mit ihrem Kriminalroman Mord im Orient-Express ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Zwar verkehrt der Zug auch heute noch, doch mehrere tausend Euro für eine einzige Nacht erscheinen selbst Gastmann etwas übertrieben. Also nimmt er gewöhnliche Züge, Busse und Taxis – und beweist, dass sich auf der berühmten Strecke auch ohne Luxus unvergessliche Abenteuer erleben lassen.

Auf rund 5.000 Kilometern durch achtzehn Städte sammelt er Geschichten, Begegnungen und Eindrücke. Gleich zu Beginn gerät er ins Blitzlichtgewitter der Pariser Modewoche. In Venedig lernt er von einer Gondoliera, die Stadt auf dem Wasser zu lesen. In Triest trifft er einen rechtsgerichteten Bürgermeister, der an der Adria beinahe wie ein Kaiser regiert. In den Kleinen Karpaten streichelt er die Löwen eines Oligarchen, badet in Ungarn, erlebt die glanzvolle Kulturhauptstadt Plowdiw und betritt wenig später ein Armenviertel. So erfährt er Europa in all seinen Gegensätzen, bis sich schließlich vor seinen Augen die Tore des Orients öffnen. Überall begegnet er den Spuren einer Welt im Wandel.

Gastmann besitzt eine unwiderstehliche Art zu schreiben, wie schon zwei zufällig herausgegriffene Sätze zeigen: „Der Gesang schwebt wie moderner Zauber von den Minaretten herab, stromgespeist und elektrisch verstärkt.“ Oder: „Mich hält dieser Ort, an dem Magie auf Moder stößt.“ Beim Lesen glaubt man oft, das rhythmische Rattern der Zugräder zu hören – und schaudert im nächsten Moment vor huschenden Kakerlaken oder trifft auf urige Typen.

Irgendwann endet auch diese Reise auf dem Sofa. Schade eigentlich. Denn sie hat sich in jeder Hinsicht gelohnt.