449 Seiten, 18.- €, Heyne
Man darf es ruhig hören: mein erleichtertes Aufseufzen. Nach einer Reihe allzu softer, banaler und dennoch hochgelobter Bestseller ist dieser Roman eine Wohltat. Endlich wieder ein spannendes, klug geschriebenes Buch, das man kaum aus der Hand legen mag – und das ich in einem Zug verschlungen habe.
Im Mittelpunkt steht Nelly, eine einfache Wirtstochter vom Land, die den gesellschaftlichen Aufstieg geschafft zu haben scheint. An der Seite ihres erfolgreichen Mannes Tom führt sie ein Leben im Überfluss, das sie auf ihrem Videoblog „Happy wife, happy life!“ perfekt inszeniert. Sie gehört zu einer wohlhabenden Clique, ihre ältere Tochter Cleo steuert auf ein Spitzenabitur zu, und auch die jüngere, Emma, zeigt beeindruckendes kreatives Talent.
Doch dieses scheinbar perfekte Leben zerbricht abrupt, als Tom schwer verunglückt und sich der Wohlstand als trügerische Fassade entpuppt. Für Nelly und ihre Töchter beginnt ein harter sozialer Abstieg: Statt Luxusvilla wartet die Sozialwohnung, statt Champagnerempfängen das Putzen in den Häusern derjenigen, bei denen sie früher zu Gast war. Nelly kämpft verzweifelt darum, sich und ihren Kindern wieder eine Perspektive zu erarbeiten.
Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten – die Spannung lebt gerade davon, diesen Weg selbst mitzuerleben.
Amelie Fried schildert den Absturz mit feinem psychologischen Gespür und einem Ton, der immer wieder ins leicht Satirische kippt. Gerade diese Mischung macht den Reiz des Romans aus: Man leidet mit Nelly, hofft, bangt – und erkennt dabei zugleich viel über gesellschaftliche Mechanismen und soziale Ungleichheit.
Ein emotional tiefer und zugleich unterhaltsamer Roman. Für mich eine klare Leseempfehlung – und definitiv ein Tipp fürs Urlaubsgepäck.
