Malcolm Gladwell: Die Kunst, nicht aneinander vorbeizureden

335 Seiten. 22.- €. Rowohlt

Bei dem Titel hatte ich eigentlich etwas anderes erwartet: Einen Ratgeber, wie man sein Gegenüber - PartnerIn, KollegIn, Kind – besser versteht. Der originale Titel „Talking to a stranger“ trifft genauer, worum es in dem Buch tatsächlich geht, nämlich um die Frage: Wie sicher können wir sein, dass wir richtig interpretieren, was wir von unserem Gegenüber erfahren – besonders wenn es um existenzielle Belange wie Verurteilung und Haft geht? Der New Yorker Wissenschaftsjournalist Gladwell weist nach, dass selbst Experten dafür schlecht gerüstet sind.

 Das liegt vor allem an unserer menschlichen Neigung, davon auszugehen, dass unser Gegenüber die Wahrheit sagt. Im 'Wahrheitsmodus'" glauben wir dem anderen, selbst wenn Anzeichen deutlich dagegensprechen. Zudem überschätzen wir unsere Fähigkeit, Mimik, Gestik, Äußerungen und Absichten eindeutig interpretieren zu können. Darüber hinaus verringern Alkohol und Stress unsere Fähigkeit, Menschen korrekt einzuschätzen und uns adäquat an Erlebnisse zu erinnern. Eine persönliche Begegnung verstärkt noch die Illusion, den anderen durchschauen zu können. So erklärt sich, dass es oft Jahre dauert, bis Betrüger, Spione und sexuelle Straftäter enttarnt werden. Diese Erkenntnisse belegt Gladwell mit zahlreichen spektakulären Fallbeispielen von fehlgeschlagener Kommunikation, erfolgreicher Täuschungen, falscher Verdächtigungen, mehrdeutigen Aussagen und problematischen Polizeistrategien. Allerdings erscheint die Ableitung aus diesen anschaulich dargestellten Fällen nicht immer logisch. Hier war dem Autor offenbar manchmal mehr an einer lebhaften Darstellung als an einem stringenten Beweis gelegen. Immerhin liest sich das spannend wie ein Krimi.

Trotz einiger Schwächen ein interessantes Buch, das im positiven Sinne hinsichtlich der eigenen Wahrnehmung verunsichert.

 

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